Die Drei Türme

Konzeptstudie zur Nachnutzung des Kraftwerk Wilmersdorf

2021

Projekt Visualisierung Umnutzung Kraftwerk Wilmersdorf Berlin zum Kulturzentrum. Parametric Architecture Powerplant redesign

 Die Drei Türme des Kraftwerk Wilmersdorf an der Stadtautobahn und Ringbahn sind für viele Berliner:innen ein wichtiger Anknüpfungs- und

Orientierungspunkt in der Stadtsilhouette. Der anstehende Abriss bedeutet nicht nur den Verlust eines ikonischen Bauwerks, sondern auch eines Teils der emotionalen Stadtwahrnehmung Berlins.

Mein Vorschlag ist es die drei Türme zu erhalten und in ein Kulturzentrum der Zukunft zu verwandeln. Mit dieser Form aktiven Denkmalschutzes wird das ehemalige Kraftwerk Wilmersdorf nicht konserviert, sondern auf eine höhere Stufe gehoben und dabei tief mit dem kollektiven Organismus der Stadt verknüpft. Denn in den algorithmisch geschaffenen Räumen des Kulturzentrums der Zukunft wird nicht nur präsentiert, performt und gefeiert, sondern auch begegnet und produziert, ein urbaner Think Tank geschaffen, welcher den Begriff des Kulturzentrums weit über das Gewohnte hinaus trägt.


Emotionales Denkmal statt Baudenkmal?

 Wann ist ein Gebäude eigentlich schützenswert? Über diese Frage lässt sich sicher streiten.

Doch was, wenn ein Gebäude zwar auf architekturhistorischer Ebene nicht besonders erscheint, jedoch für viele Menschen einen emotionalen Anknüpfungspunkt mit der Stadt darstellt?

Die klassische Stadtplanung betrachtet städtische Entwicklung seit mehr als 100 Jahren als Anordnung von Funktionen, bestehend aus Einzelobjekten und verknüpft mit verschiedenen Formen der Infrastruktur.

Doch sollten wir Stadt nicht viel eher als kybernetische Organismen ähnlich neuronaler Netze betrachten? Dies würde nicht nur der Komplexität menschlichen Zusammenlebens gerecht werden, sondern auch neue Ansätze zu Planung und Gestaltung lebenswerter Stadträume geben.

 

Das Kraftwerk Wilmersdorf kennt vermutlich jede Person, die mal eine gewisse Zeit in Berlin war. Jede Benutzer:in der Ringbahn oder Stadtautobahn grüßt es und gibt ein Gefühl wie weit man es bis zum Ziel hat. Es ist von jedem höheren Punkt zu sehen und bietet Orientierung. Für den Berliner Westen kann es auf Ebene der stadtstrukturellen Relevanz somit sicher gleichgesetzt werden mit der Bedeutung des Fernsehturms für Berlin-Mitte. Und dabei ist es tatsächlich auch völlig unabhängig ob man es schön findet oder nicht, oder ob der Baustil als einzigartig oder generisch angesehen wird. Einzig was zählt sind die Anzahl der „Synapsen“ welche das Gebäude mit seiner Umwelt und den Bewohner:innen verknüpft.

Wird ein derartig wichtiges urbanes Element nun also plötzlich aus dem Organismus gerissen, kann es ungeahnte Folgen für die emotionale Identität einer Stadt haben und dabei den leider schon sehr fortgeschrittenen Trend hin zur gesichtslosen Stadt fortsetzen.

 

Kraftwerk Wilmersdorf Abriss. Stadtautobahn Berlin. Drei Schornsteine. Denkmalschutz

Projekt Visualisierung Umnutzung Kraftwerk Wilmersdorf Berlin zum Kulturzentrum. Parametric Architecture Powerplant redesign

Bauen im Bestand ist nicht einfach - und das ist gut so

 Natürlich ist die Umnutzung eines solchen Gebäudes keine leichte Aufgabe, weshalb klassische Investor:innen in der Regel zur vermeintlich sicheren Methode, dem Abriss mit Neubau tendieren. Auf einer planierten Wiese kann zwar alles geschaffen werden, jedoch bedeutet dies auch, dass zur Errichtung spannender und innovativer Räume ein extremes Maß an Willenskraft auf allen Ebenen gefordert ist. Im Umkehrschluss werden also meist einfallslose, und gesichtslose Ge- bäude geschaffen, da kein Zwang zur Neuerfindung besteht.

 

Bauen im Bestand kann im Gegensatz dazu nicht mit Standardlösungen funktionieren. Dies liegt zum einen daran, dass in der Regel bauliche Zwänge bestehen aber genauso wichtig auch eine Vielzahl emotionaler

„Synapsen“ vorhanden sind. Eine Umnutzung des Kraftwerks Wilmersdorf bietet also nicht nur die Möglichkeit, ein archi- tektonisches Leuchtturmprojekt zu schaffen, sondern auch ein hohes Potenzial erfolgreich im Organismus Stadt aufzugehen.

 


Stehen lassen ist immer die nachhaltigste Variante

 Das nachhaltigste Gebäude ist eines, welches gar nicht erst gebaut werden muss. Und dabei geht es nicht nur darum, dass bei der Nutzung vorhandener Tragwerksstrukturen ein hohes Maß an grauer Energie gespart wird, da sowohl Herstellung, aber auch Recycling von Stahl oder Beton mit einem enormen Energieaufwand verbunden ist.

Mindestens genauso wichtig ist auch, dem ausufernden Flächenverbrauch Einhalt zu gebieten. Bei der Weiterentwicklung eines bestehenden Gebäudes muss kein neues Land versiegelt werden und können vorhandene Infrastrukturen und Verkehrsanbindungen genutzt werden.

Finanziell gesehen könnte im Vergleich zum Abriss und Neubau der einzige Einwand höchstens eine etwas aufwendigere Planungsleistung sein. Diese sollte jedoch mit den gesparten Erschließungskosten und Materialkosten (dazu noch Abriss und Entsorgungskosten) einfach zu kompensieren sein.

 

Eine Neunutzung des Kraftwerk Wilmersdorf bietet somit auch im Sinne der Nachhaltigkeit die Möglichkeit, neue Maßstäbe zu setzen. Das solide Stahlskelett der Kesselhäuser dürfte Ideal zum Implementieren neuer Funktionen sein und die Lage direkt am S-Bahnhof Heidelberger Platz bietet sich perfekt für öffentliche kulturelle Nutzungen an, vor allem im Hinblick auf den Neubauboom in der direkten Umgebung (z.B. Maximiliansquartier und Reemtsmagelände)

 

Schnitt durch Heizkraftwerk Wilmersdorf Umnutzung. Die drei Schornsteine an der Stadtautobahn

Architektur Diagramm Schema Axonometrie. Parametric Architecture programming

Zukunftsträchtige Architektur für Zukunftsträchtige Kultur

 Wie bringt man nun ein Kulturzentrum der Zukunft in einem Gebäude unter, das nicht den klassischen typologischen Vorstellungen eines Kulturzentrums mit weiten Hallen und hellen Räumen entspricht?

Ein Kulturzentrum kann viele Formen haben. Es gibt natürlich auf der einen Seite die gängigen Gebäude für Großveranstaltungen mit Ausstellungshallen, Konzertsälen und Clubräumen und vieles mehr. Doch die zeitgenössische Kunst zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es eher eine Abkehr von Einzelkünstler:innen gibt, die ihre Werke der Masse präsentieren, hin zu einer Kunst, die mehr die Kommunikation und Interaktion zwischen Akteur:innen im Fokus hat. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die Architektur. Ein Kulturzentrum der Zukunft braucht keine große Halle, sondern vielmehr intelligent verknüpft und verschachtelte, vielschichtige Räume. Räume, die alles können, von Residencies über Ateliers, Raum zum Treffen und Interagieren bieten. Und dabei fern von jeder Form der Funktionstrennung möglichst große Überschneidungen und Nutzungsdiversität bieten.

 

Die Räume von mir vorgeschlagenen Kulturzentrums im Kraftwerk Wilmersdorf werden in das Traggerüst der Kesselhäuser hinein „programmiert“, während größere Einheiten in den Turbinenhallen platziert werden. Ausgegangen wird von einer Kleinstzelle, welche 3x3 Meter groß ist und beliebig zusammenschaltbar ist. Diese wird mithilfe vielschichtiger algorithmischer Planungstools angeordnet und konfiguriert werden. Dabei wird eine mit händischer Planung unerreichbare Komplexität geschaffen, die in ihrem scheinbaren „Durcheinander“ Verknüpfungen und Synergieeffekte zwischen den einzelnen Akteur:innen fördert. Somit ist das Kulturzentrum der Zukunft im Kraftwerk Wilmersdorf nicht nur eine Ansammlung einzelner Personen, sondern hat das Potenzial, zu einer kollektiven, kreativen „Schwarmintelligenz“ zu werden, mit einer Strahlkraft weit über Berlin hinaus.